Respekt beginnt bei dir selbst – Michaels Weg aus der Respektlosigkeit in der Familie

Lieber Michael,

Als Thema hast du „Respekt“ und „Respektlosigkeit“ aufgeworfen. Ich sende meinen Klienten, nach einem Gespräch, nochmals eine Nachbereitung und meine Gedanken zu. Vor allem, wenn ein Treffen so intensiv war, wie unser Letztes.

Die Lebensmitte: Ein Berggipfel mit neuen Horizonten

Du bist knapp über 50 Jahre und somit in der Fülle des Lebens. Man kennt sich aus, versteht nun fast alles. Es ist ein Höhepunkt, ähnlich wie ein Berggipfel, den man erklommen hat. Das ist toll!

Und gleichzeitig sieht man, wenn man oben ist, plötzlich einen weiteren, einen neuen Horizont. Und der wartet schon auf Dich. Neue und noch reifere Erkenntnisse zeigen sich und sie gilt es aufzunehmen. Ja, man lernt nie aus.

Du hast es gut gemacht! Bist echt eine Persönlichkeit geworden. Und wie ich schon sagte: Du bist überdurchschnittlich interessiert, intelligent und immer offen für weitere neue Erfahrungen. Vor allem letzteres besitzen nicht viele Menschen. Sie wollen lieber in der Komfortzone bleiben. Deine Lebendigkeit ist eine Freude für mich.

Was kommt nun, speziell für Dich ab 50 Jahre, auf Dich zu? Es sollen die letzten Schwierigkeiten aufgelöst werden, mit denen Du immer noch zu kämpfen hast. Es ist wie ein Abschluss. Sich vervollkommnen, ganz werden. Vielleicht sogar perfekt.

Die Falle der ständigen Verfügbarkeit: Warum „zu nett“ Respektlosigkeit einlädt

Manchmal kann man sich selbst inmitten der eigenen Familie allein und überfordert fühlen.

Ich kenne Dich wenig und so kann ich nur aus einem kurzen Eindruck von Dir auf Dich schließen. Zunächst, dass du ein sehr liebender und netter Mensch und Vater bist.

Und nun der neue Gedanke: Du bist vermutlich zu lieb und zu nett zu deiner Familie, vielleicht auch zu den Mitmenschen generell. Das habe ich erkannt, als du sagtest, deine Kinder seien öfters respektlos zu dir.

Das ist oft die normale Reaktion von Menschen gegenüber Menschen, mit dem man alles machen kann: „Der verzeiht das schon, der reagiert nicht, wehrt sich nicht, der liebt mich trotzdem, da wird sich nichts verändern, wenn ich mal respektlos bin.“
Also, Respektlosigkeit dir gegenüber löst du quasi auch selbst aus.

Wenn Menschen zu sehr lieben, hören die Anderen auf, sich bei ihm Mühe zu geben. Sie lassen nach. Sie geben auf den anderen nicht mehr acht, wählen ihre Worte und Handlungen nicht mehr sorgsam. Das braucht es ja bei ihm gar nicht mehr. Also bist du gefragt.

Respektlosigkeit dir gegenüber ärgert dich ja natürlich auch. Und somit kommt dein nächster Reifeschritt: „Das lasse ich nicht mit mir machen! Ich gehe sorgsam mit mir selbst um.“

Falsche Harmonie: Wenn das „WIR“ das eigene „ICH“ verschluckt

Mann und Frau sitzen eng nebeneinander auf einem Sofa, ihre Schatten verschmelzen miteinander und symbolisieren den Verlust der eigenen Identität in der Beziehung.

Du erwähntest: „Meine Frau und ich achten nun mehr aufeinander. Wir streiten kaum.“

Vorsicht: Dann verschmelzt ihr ja noch mehr miteinander! Michael, das geht in die falsche Richtung. Ist ein Schuss nach hinten. Gute Achtsamkeit dem anderen Partner gegenüber gelingt darin, dass man seine eigene Meinung sagt, sein Ich formuliert, streitet. Sonst lebt jeder am anderen vorbei, und an sich selbst auch.

Der Anfang des Themas Respekts, das die Menschen dir gegenüber bringen sollen, beginnt immer zuerst bei einem selbst, bei dir selbst. Wieviel Respekt hast du dir gegenüber? Ist da genügend da? Weißt du, wie wertvoll du bist?

Wenn schon genug da wäre, würde sich keiner dir gegenüber respektlos verhalten. Sie würden wissen: Oh, ich muss meine Worte sorgsam wählen dem Papa gegenüber, meinem Mann gegenüber. Die anderen werden es zu sehen und zu spüren bekommen, wenn du dich wehrst, wenn du dich abgrenzt.

Selbstrespekt als Schlüssel zur Veränderung

Ich glaube, da gilt es etwas zu erkennen. Ich glaube, hier liegt etwas der Hase im Pfeffer begraben. Du stellst deine Person, vermutlich aus der Kindheit gelernt, oft hinter den anderen an. Du sagtest: „Ich schraube mich zurück. Helfe nun mehr im Haushalt“.

Dies wird vermutlich nicht die ersehnte Reaktion bei den Familienmitgliedern auslösen. Eher noch mehr das Gegenteil. Du bist das Familienoberhaupt, du bist über 50 Jahre, du bist eine Persönlichkeit, du bist der Michael als Ehemann und als Vater. Da kann es eigentlich keine Respektlosigkeit geben!

Hast du genug Respekt und Achtsamkeit für dich selber, dann läuft alles wie von selbst. Weil du bei dir angefangen hast. Du wirst dich reflexartig wehren und die anderen werden schnell lernen, so einen Umgang mit dir lässt du nicht mehr zu.

Das Beziehungs-Trio: Ein ICH, noch ein ICH und das WIR

Die Gefahr bei jeder Beziehung, ob zu Ehefrau oder zu den Kindern besteht immer, dass man zu sehr mit ihnen verschmilzt, eins wird. Das WIR wird überbetont. Man fühlt sich verantwortlich für Alle und alles, deren Wohlergehen und leidet mit, wenn dem nicht so ist.

Und vor allem: Man übernimmt deren Hausaufgaben. Das heißt: Du machst es ihnen leicht, wenn du ihr Verhalten und ihre eigenen Schwierigkeiten abfederst. Sie müssen sich nicht hinterfragen und an ihre Probleme herangehen. Im Grunde schadet man dadurch den anderen.

Kinder lernen an den Eltern, an dir. Dein Vorbild für ihre eigene, spätere Beziehung lehrt sie: „Ich muss mich jetzt als Person auch wie Papa zurücknehmen und für die anderen sorgen.“ Das eigene Ich wird nicht mehr wichtig, verteidigt und versorgt.

Den Kindern gehört eigentlich vorgelebt, dass eine Beziehung nicht aus 2 Personen besteht, sondern aus 3 Personen: Ein ICH und noch ein ICH und ein WIR. Und allen Dreien kommt dieselbe Aufmerksamkeit und Wichtigkeit zu, und alle drei müssen einzeln und gleichberechtigt versorgt werden.
Eine gesunde Distanz zum Wir, zur Partnerin, den Kindern, kann entstehen. Und Nähe zu sich selbst.

Wahre Resilienz: Raum einnehmen und Verlustängste loslassen

Uuppss – das kann Angst auslösen: „Ich steh ja dann als einzelner Mensch da, fühl mich womöglich alleine!“ Bei manchen Menschen löst das Verlustängste aus. Oft erlebt in der eigenen Kinderstube, wenn Kinder immer Angst haben mussten, dass die Familie auseinanderbricht.
Aber wir sind nun mal ein komplettes ICH. Können wir das einmal richtig spüren, macht es uns mit der Zeit immer stärker und ruhig.

Du spürst es auch schon. Es ist dein Wunsch, resilienter zu werden. Das heißt aber nicht, ich möchte mit noch mehr stoischer Ruhe alles über mich ergehen lassen. Ganz im Gegenteil: Dein ICH will dir sagen: Ich darf genauso viel Raum und Platz in der Ehe und Familie einnehmen, wie all die Anderen.

Ich habe dieselben Rechte, die sich die anderen wie selbstverständlich herausnehmen. Lieb und nett sein ist ja recht und gut. Aber ich wehre mich nun und bestimme mit, was in den Situationen passiert. Die Verlustängste sind dann auch weg.

Du, und das gilt für alle Menschen, hast nun mal nur dich selbst. Die Partnerin und Kinder sind Wegbegleiter. Und wir können dankbar sein, wenn das möglichst lange so ist.

So ist das Leben.

Ganz liebe Grüße,
Dein Thomas S.